Das Chaos aushalten

Hah - gut könnt ihr jetzt gerade nicht in mein Wohnzimmer sehen - denke ich. Hier in der virtuellen Welt ist alles so schön ordentlich. Eine weisse Seite, ein leeres Blatt. Zeichen in akribischer Genauigkeit aneinandergereiht. Jedes schaut in dieselbe Richtung, jedes hat seinen vorbestimmten Abstand, die richtige Grösse und die Zeilen sind hübsch aufgereiht.


Nicht so in meiner Wohnung! Seit unser zweiter Erdenbürger das Licht der Welt erblickt hat - vor ziemlich genau einem Monat - fällt es mir umso schwerer auch nur ansatzweise die Ordnung in unserer kleinen 3.5-Zimmer-Wohnung aufrecht zu erhalten. Das Problem? Uns fehlt das "Puff-Zimmer". Ein Raum, dessen Türe man einfach schliessen kann und alles vergessen kann, was sich dahinter befindet. Da alle unsere Räume fleissig benutzt werden findet sich also kein solch heiliges Örtchen, wodurch ich umso häufiger daran bin, Autöli, Duploklötze, Nuuschis, Nuggis, Windeln, Spielzeugtassli, Bälle, Klötzli, Büechli und soooo vieles mehr wieder an ihre "Orte" zurückzutragen.


Ok, da ich ja authentisch bleiben will, hier ein kleiner Einblick in meinen Ausblick vom Sofa (innerlich schreit schon wieder mein Ordnungsinstinkt-Männchen auf und treibt mich an "Hopp, runter vom Sofa, räum das sofort auf, damit ich mich entspannen kann!")



Und genau hier beginnt mein Problem - ICH KANN MICH SO NICHT ENTSPANNEN!


Am liebsten hätte ich manchmal, unser kleiner Wunderknabe würde gar nicht mit seinen Spielsachen spielen, sondern sie einfach in ihrer Ganzheit in ihren hübsch zugedachten Kisten bewundern und damit genug!


Und genau hier muss ich mir selbst eine Lektion erteilen:


Ich möchte lernen, das Chaos auszuhalten. Auch wenn Besuch kommt. Nein. GERADE wenn Besuch kommt. Dann bin ich nämlich authentisch. Das entspannt das andere Mami. Dann sieht sie nämlich, dass auch bei uns mal etwas rumliegt - dass sich auch bei uns Wäscheberge und ungespültes Geschirr türmen.

Ich habe zwei Kleinkinder.

Das ist Ausrede genug.


Und wenn ich mir die Zeitspanne meines Lebens vor Augen halte, in welchen ich meine gewünschte Superordnung nicht aufrecht erhalten kann, ist das doch so eine kurze Zeit meines Lebens. Spätestens wenn unsere Kinder eingeschult sind, kann ich wieder jeden Morgen meine Superordnung erstellen. Und allerspätestens wenn sie ausgezogen sind und ich mich in meiner klinisch sauberen und ungewöhnlich ordentlichen Wohnung wiederfinde - spätestens dann werde ich die Unordnung und das Kinderlachen, welches entzückt eine weitere Spielzeugkiste auf den Boden ausleert vermissen!

Und ich werde denken:

Ach hätte ich das Chaos doch einfach ertragen.

Ach hätte ich doch das mehr genossen.

Ach hätte ich mich doch einfach entspannt.


Was nützt mir dann noch, dass meine Wohnung am 22.09.2020 hübsch aufgeräumt war?


Dann nützt mir, dass ich viel Zeit mit unseren wunderbaren Kindern verbracht habe. Dass ich eine (grösstenteils - wir wollen ja nicht unrealistisch werden) entspannte Mutter war. Dass ich mich zu ihnen auf den übersäten Boden gesetzt habe und mit ihnen gespielt habe. Ihnen zugehört habe und nicht innerlich immer nur darauf geachtet habe, dass möglichst wenig Unordnung entsteht.


Das möchte ich mir heute vornehmen. Und lasse die Briobahn absichtlich noch ein wenig am Boden liegen ;).


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